
Neue Technologien ermöglichen Usability-Tests in den eigenen vier Wänden
Eine Website ist die Visitenkarte eines Unternehmens und mittlerweile ein wichtiger Marketing- und Vertriebskanal. Die Mehrheit der User setzt das Internet ein, um wichtige Kaufentscheidungen zu treffen – auch wenn der Kauf noch häufig offline, im Laden, stattfindet. So auch Peter Schneider, er will sich ein neues Auto kaufen. Seit Monaten informiert er sich im Internet über Modelle und Preise. Als die Kaufentscheidung näher rückt, nutzt er gleich nach Feierabend an seinem PC zu Hause den Internet-Konfigurator eines Autoherstellers. Das Auto nimmt Gestalt an – ob Peter Schneider an der Konfiguration scheitert oder sein neues Traumauto bestaunen kann, zeigt die neue Remote-Testing-Technologie, mit der man Nutzungsbarrieren aber auch Stärken einer Website zeitnah und präzise aufdecken kann.
Test in der natürlichen Umgebung der User
Mit diesem Testverfahren ist es möglich, die Interaktion eines Nutzers mit einer Webanwendung in seiner natürlichen Umgebung – am PC zu Hause oder im Büro – zu beobachten und hierbei Daten über sein reales Nutzungsverhalten und die Usability der Anwendung zu sammeln. „Somit ist es möglich, den gesamten Nutzungsprozess und die ganze User Experience zu erfassen“, erklärt der Usability-Experte Tim Bosenick von Deutschlands führendem Institut für Usability-Testing, SirValUse Consulting GmbH, den Vorteil gegenüber herkömmlichen Tests im Labor. Dort konnten bisher aus zeitlichen und finanziellen Gründen vorwiegend nur spezifische Bereiche oder Prozesse einer Webseite mit einer kleineren Fallzahl getestet werden. Eine weitere Stärke des Remote-Testings ist es, dass die Probanden ihre konkrete Nutzungsabsicht verfolgen und damit ein sehr hohes Involvement bei der Nutzung des Testobjektes mitbringen. Auch wenn die im Labor-Test gestellten Aufgaben und Nutzungsszenarien auf die möglichen Nutzungsabsichten und Bedürfnisse der Anwender abgestimmt sind und die Rekrutierung der Probanden optimal erfolgt ist; im Moment der Testdurchführung ist der Zeitpunkt und das Nutzungsmotiv vorgegeben und nicht vom Teilnehmer initiiert.
Testen rund um die Uhr
Beim Remote-Testing können die Probanden rund um die Uhr auf der Original-Webseite surfen, ohne dass die Installation einer Software notwendig ist. Sie nutzen einen gängigen Browser und surfen über einen Proxy-Server im Internet. Dieser Server holt die Daten der zu testenden Website ab und übermittelt sie eingebettet in eine Testumgebung an den PC des Nutzers. Während des Tests zeichnet der Proxy-Server die Aktionen der Testpersonen auf. Neben Zeiten und Klicks werden alle Eingaben, Logfiles und Mausbewegungen gespeichert. Zur Auswertung stehen dabei neben detaillierten Protokolldaten, Screenshots mit der Visualisierung aller Nutzungsaktivitäten zur Verfügung. Dadurch, dass die Teilnehmer in der Bearbeitung der Aufgaben zeitlich und örtlich unabhängig sind und die Rekrutierung direkt über die zu testende Webseite oder ein Online-Panel erfolgt, können auch schwer erreichbare Zielgruppen zum Test herangezogen werden. Zusätzlich ist es so möglich, nützliche Informationen über die Nutzergruppen der Website, beispielsweise zur Zielgruppenüberprüfung, zu erheben. Weiter sprechen der geringe Zeitaufwand sowie die große Stichprobe bei geringen Kosten, die zusätzlich eine quantitative Absicherung der Ergebnisse bedeutet, für das neue Testverfahren. Als Testmaterial eignen sich alle Produkte, die über das Internet erreichbar sind. Dies können Webseiten sein, die bereits im Live-Betrieb sind oder Anwendungen, die sich noch in der Entwicklung befinden.
Task-basiert oder freies Surfen
Je nach Fragestellung nutzen die Probanden eine Webseite völlig frei und lassen sich durch das Remote-System dabei beobachten. Oder sie bekommen bestimmte Aufgaben gestellt, die sich mit dem Nutzungsmotiv decken, das sie für den Besuch einer Seite angegeben haben. Ob diese Aufgaben zufrieden stellend gelöst wurden, schätzen sie über einen Online-Fragebogen selber ein. Während des freien Surfens oder der Aufgabenbearbeitung melden die Probanden aus eigenem Impuls über eine Eingabemaske besondere Vorkommnisse (so genannte „Critical Incidents“) wie beispielsweise Probleme, Hindernisse oder fehlende Funktionen, aber auch positive Ereignisse. In der anschließenden Analyse und Interpretation der aufgezeichneten Daten, wie Screenshots, Mausbewegungen, Logfiles und Klickpfade, und im Vergleich mit den subjektiven Angaben der Probanden, können die Gründe aufgedeckt werden, warum beispielsweise ein gewünschtes Ziel nicht erreicht wurde. Tim Bosenick von SirValUse ergänzt die Argumente für eine ganzheitliche Betrachtung aller Daten: „Diese Analyse ist wichtig, da die Nutzer in der Regel während einer Befragung ihr intuitives Verhalten nur begrenzt begründen oder ausdrücken können, so dass nicht klar wird, warum sie bestimmte Funktionen gewählt haben oder nicht“. Die große Stärke dieser Testmethode ist es also, eine hohe Anzahl qualitativer Daten von Nutzern mit hohem Involvement kostengünstig zu erheben. Die Größe der Stichprobe ermöglicht hierbei eine quantitative Absicherung der qualitativen Daten. Diese detaillierten Ergebnisse können Entwicklern und Designern helfen, die auftretenden Schwachstellen im Interface zu korrigieren – damit Peter Schneider seinen Neuwagen einfach und schnell im Internet zusammenstellen und bestellen kann.
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